Elena sitzt am Tisch mit ihrem Laptop und hat dabei einen Ausblick auf die Berge | Ski-Office | Kraus & Partner - Transformation Experts

Wenn Unternehmen eine Produktion verlagern, wird meist sehr genau geplant, welche Anlagen wann umziehen, wie Kapazitäten am neuen Standort aufgebaut werden und wie Liefertermine gehalten werden. Das ist wichtig. Es greift aber häufig zu kurz.

Denn das entscheidende Wissen steht in keinem Umzugsplan. Es steckt in den Köpfen erfahrener Mitarbeitender. Sie wissen, wie sich eine Anlage verhält, wenn das Material schwankt, woran man ein Qualitätsproblem früh erkennt und wen man anruft, wenn es klemmt.

Genau diese Menschen sollen ihr Wissen nun weitergeben, an Kolleginnen und Kollegen, die künftig ihre Arbeit übernehmen. Damit stehen Unternehmen vor einem Paradox, über das selten offen gesprochen wird: Sie bitten Menschen, anderen beizubringen, was ihren eigenen Arbeitsplatz überflüssig macht.
Wer dieses Paradox ignoriert, riskiert, dass Know-how verloren geht, bevor es übertragen ist. Wer es ernst nimmt, hat eine realistische Chance, dass der Übergang gelingt.

Was bedeutet Wissenstransfer bei einer Standortverlagerung?

Wissenstransfer bei einer Standortverlagerung bezeichnet die gezielte Übertragung von Fach- und Erfahrungswissen vom bisherigen an den neuen Standort, und zwar so, dass die Mitarbeitenden dort die Prozesse eigenständig und stabil beherrschen. Das ist deutlich mehr als die Übergabe von Arbeitsanweisungen und Prozessbeschreibungen.

Dokumentationen beschreiben, wie ein Prozess vorgesehen ist. Sie beschreiben selten, wie er tatsächlich funktioniert. Welche Einstellungen an einer Maschine besonders kritisch sind, welche Abweichungen bei Vorprodukten regelmäßig auftreten, welche informellen Abstimmungen nötig sind, damit es läuft: Dieses Wissen haben Menschen über Jahre aufgebaut. Aufgeschrieben hat es meist niemand, weil es nie nötig war.

In der Regel wird es erst sichtbar, wenn die Personen nicht mehr da sind. Deshalb sollte die Sicherung des Know-hows nicht am Ende einer Produktionsverlagerung stehen, sondern am Anfang. Die erste Frage lautet nicht, welche Anlagen wann umziehen. Sie lautet: Welches Wissen brauchen wir, damit die Produktion am neuen Standort stabil läuft, und bei wem liegt es?

Warum reichen Appelle an Loyalität nicht?

Sobald eine Verlagerung bekannt wird, beschäftigen sich Mitarbeitende verständlicherweise mit ihrer eigenen Zukunft. Und häufig sind es gerade die erfahrensten Fachkräfte, die am Arbeitsmarkt die besten Möglichkeiten haben. Für das Unternehmen entsteht ein erhebliches Risiko: Gehen zentrale Wissensträger früher als geplant, geht ihr Wissen mit, und die Belastung für alle anderen steigt.

Appelle an Loyalität oder Zusammenhalt helfen in dieser Situation nur begrenzt. Wer von Menschen erwartet, dass sie bis zum letzten Produktionstag ihr Wissen weitergeben, muss auch ihre persönliche Lage ernst nehmen. Fairness ist hier keine Nettigkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Wissen überhaupt weitergegeben wird.

Für Unternehmen bedeutet das, früh und konkret zu klären: Wer verfügt über besonders kritisches Wissen? Für welchen Zeitraum wird diese Expertise tatsächlich gebraucht? Welche Aufgaben sollen die Personen im Wissenstransfer übernehmen? Und was kann ihnen das Unternehmen im Gegenzug verlässlich zusagen? Denkbar sind etwa transparente Übergangsvereinbarungen, Weiterbeschäftigungsmöglichkeiten an anderen Standorten oder finanzielle Anreize. Welche Maßnahmen sinnvoll und rechtlich möglich sind, hängt von der jeweiligen Situation ab und muss mit Personalabteilung, Arbeitnehmervertretung und gegebenenfalls rechtlicher Beratung abgestimmt werden.

Wie viel ein fairer Umgang wert ist, zeigt sich oft erst Jahre später. Ich erinnere mich an einen Betriebsrat, mit dem wir einen harten Restrukturierungsprozess durchlaufen haben. Jahre danach war er es, der dem Vorstand vorschlug, wieder mit uns zusammenzuarbeiten. Nicht, weil der Prozess angenehm gewesen wäre. Sondern weil er klar und ehrlich war. Mehr darüber habe ich in meinem Beitrag Was Veränderung wirklich braucht geschrieben.

Wie wird Wissenstransfer zu einem eigenen Prozess?

Ein häufiger Fehler ist, den Wissenstransfer als Nebenaufgabe zu behandeln. Die erfahrenen Fachkräfte sollen ihre Produktionsziele weiter erreichen und nebenbei neue Kollegen einarbeiten, Prozesse dokumentieren und beim Anlauf am neuen Standort helfen. Unter hoher Auslastung wird der Transfer dann verschoben, auf ein paar Schulungstermine reduziert oder findet erst kurz vor der Übergabe statt.

Wissenstransfer sollte deshalb als eigener Arbeitsstrang innerhalb der Verlagerung geplant werden, mit Zeit, Verantwortung und klaren Schritten:

  1. Kritisches Wissen identifizieren: Welche Kompetenzen sind für den stabilen Betrieb unverzichtbar? Besonders relevant sind Prozesse mit hohen Qualitätsanforderungen, komplexe Anlagen, selten auftretende Störungen und Tätigkeiten, die nur wenige Menschen beherrschen.
  2. Wissensträger und Empfänger zuordnen: Für jedes kritische Wissensgebiet sollte klar sein, wer die Erfahrung hat und wer sie künftig braucht.
  3. Praktische Übergabe organisieren: Neben Dokumentationen und Schulungen zählt vor allem gemeinsame Praxis, etwa Hospitationen, gemeinsame Produktionsläufe und die zeitweise Zusammenarbeit von Mitarbeitenden beider Standorte.
  4. Transfererfolg überprüfen: Der Transfer ist erst abgeschlossen, wenn die neuen Verantwortlichen die Aufgaben sicher und eigenständig übernehmen können.

Das zeigt sich an praktischen Kompetenznachweisen, einem stabilen Produktionsanlauf und den relevanten Qualitätskennzahlen. Gerade der letzte Schritt wird oft unterschätzt. Eine durchgeführte Schulung ist noch kein übertragenes Wissen.

Was tun, wenn die Organisation keine Kraft mehr hat?

„Unsere Mitarbeitenden haben für weitere Veränderungen keine Kapazität.“ Diesen Satz höre ich heute deutlich häufiger als noch vor einigen Jahren. Viele Organisationen haben mehrere Veränderungen hintereinander erlebt, oft ohne dass die letzte wirklich abgeschlossen war. Wenn dann noch eine Verlagerung mit Personalabbau dazukommt, ist das selten Widerstand, sondern schlicht Erschöpfung.

Dazu kommt etwas, das in keinem Projektplan steht. Eine Standortverlagerung ist für viele Menschen ein Verlust: der Arbeitsplatz, das vertraute Team, manchmal ein Stück Lebensgeschichte. Auch diejenigen, die bleiben, tragen diesen Verlust mit. Sie übernehmen zusätzliche Aufgaben und haben nicht selten ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kolleginnen und Kollegen, die gehen müssen. Menschen brauchen in dieser Situation die Möglichkeit, Abschied zu nehmen, bevor sie wieder voll leistungsfähig sein können. Wer das übergeht, bekommt den Verlust als Rückzug, Konflikte oder Leistungseinbruch zurück.

In solchen Phasen ist die Versuchung groß, noch mehr zu tun: mehr Maßnahmen, mehr Kommunikation, mehr Tempo. Wirksamer ist meist das Gegenteil. Tempo herausnehmen, wo es möglich ist, und Klarheit erhöhen.

Für Unternehmen bedeutet das: bewusst entscheiden, welche Vorhaben für die Verlagerung und den laufenden Betrieb wirklich notwendig sind, und andere Initiativen verschieben. Den Aufwand für Wissenstransfer und Einarbeitung realistisch einplanen, statt ihn obendrauf zu legen. Und unnötige Berichte, Abstimmungen und Freigaben streichen, um Luft zu schaffen.

Eine Organisation kann nicht unbegrenzt zusätzliche Veränderungsarbeit aufnehmen. Wer das ignoriert, gefährdet am Ende genau das, was er sichern will.

Wie führt man, wenn es keine gute Perspektive gibt?

Führungskräfte stehen bei Standortverlagerungen vor einer der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Sie müssen Entscheidungen vertreten, die sie oft nicht selbst getroffen haben und deren Folgen für ihre Mitarbeitenden erheblich sind. Gleichzeitig sollen sie Orientierung geben und Leistung sichern. Manchmal sind sie selbst betroffen.

Gute Führung besteht in dieser Lage nicht darin, die Situation möglichst positiv darzustellen. Menschen merken sehr genau, wenn Unsicherheiten beschönigt oder unangenehme Themen umgangen werden. Vertrauen entsteht in solchen Phasen weniger aus Sicherheit als aus Ehrlichkeit über das, was unsicher ist.

Für Führungskräfte bedeutet das: klar sagen, welche Entscheidungen bereits gefallen sind, welche Fragen noch offen sind und wann es neue Informationen gibt. Sorgen anerkennen und Raum für Fragen und Kritik lassen. Und auch Grenzen benennen. Nicht jede Entscheidung lässt sich beeinflussen, und nicht für jeden kann eine Perspektive im Unternehmen geschaffen werden. Was Führungskräfte aber beeinflussen können, ist, ob der Übergang nachvollziehbar, fair und verlässlich verläuft.

Von Führungskräften dauerhaft Stabilität zu erwarten, ohne sie selbst zu stützen, ist wenig realistisch. Sie brauchen Vorbereitung auf schwierige Gespräche, regelmäßiges Sparring mit Unternehmensleitung und Personalabteilung, den Austausch mit anderen Führungskräften und die Entlastung von allem, was in dieser Phase nicht zwingend notwendig ist.

Wie bleibt der Betrieb während der Verlagerung stabil?

Die Sicherung des laufenden Betriebs und der Aufbau des neuen Standorts werden oft getrennt geplant. Dabei hängen sie eng zusammen. Wenn erfahrene Mitarbeitende längere Zeit am neuen Standort gebraucht werden, fehlen sie in der bisherigen Produktion. Wenn Anlagen schrittweise umziehen, verändern sich die verbleibenden Kapazitäten. Und wenn es am neuen Standort beim Anlauf hakt, wird zusätzliche Unterstützung von dort gebraucht, wo ohnehin schon alle am Limit arbeiten.

Business Continuity und Wissenstransfer sollten deshalb gemeinsam gesteuert werden. Dafür genügen wenige, aber aussagekräftige Größen: die Lieferfähigkeit am bisherigen Standort, die Qualität beim Anlauf am neuen Standort, der tatsächliche Fortschritt des Wissenstransfers und die Verfügbarkeit der kritischen Wissensträger.

Genauso wichtig ist ein Plan für den Fall, dass etwas nicht wie geplant läuft. Wenn ein einzelner Wissensträger ausfällt oder eine Übergabe länger dauert, sollte nicht gleich die gesamte Verlagerung gefährdet sein. Für besonders kritische Kompetenzen lohnt es sich deshalb, frühzeitig eine zweite Person einzuarbeiten.

Was am Ende über den Erfolg einer Standortverlagerung entscheidet

Standortverlagerungen werden meist unter wirtschaftlichen, technischen und logistischen Gesichtspunkten geplant. Das ist notwendig, reicht für eine erfolgreiche Umsetzung aber nicht aus. Denn das entscheidende Wissen liegt bei Menschen, deren eigene Zukunft von der Veränderung unmittelbar betroffen ist.

Eine wirtschaftlich notwendige Verlagerung kann nicht allen Beteiligten eine gute Perspektive bieten. Sie kann aber so gestaltet werden, dass Menschen fair behandelt werden, ihr Wissen anerkannt wird und die notwendigen Schritte professionell umgesetzt werden.

Bei Kraus & Partner gestalten wir solche Restrukturierungen im Zusammenspiel von Strategie, Struktur und Kultur: vom Wissenstransfer über die Vorbereitung der Führungskräfte auf schwierige Situationen bis zur Sicherung der Handlungsfähigkeit während des Übergangs. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt unter anderem unsere Arbeit im Maschinenbau.

Am Ende entscheidet sich der Erfolg einer Standortverlagerung deshalb nicht im Verlagerungsplan, sondern daran, wie ein Unternehmen mit den Menschen umgeht, die es für den Übergang am meisten braucht.

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Autor

  • "Georg gestaltet seit mehr als 30 Jahren Change-Prozesse und ist als CEO der Puls von Kraus & Partner. Er ist ein Magnet für inspirierende Menschen und Projekte. Stillstand gibt es nicht in seinem Vokabular."

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